Wer Bahia nicht kennt, kennt Brasilien nicht, könnte
man sagen, wenngleich dieser Ausspruch natürlich für viele Regionen Brasiliens
gilt. Bahia als Reiseland ist für Europäer aufregend, abenteuerlich,
abwechslungsreich und anstrengend (es sei denn man setzt sich 3 Wochen in eines
der neuen Ferienzentren an der Küste wie Costa do Sauípe, wovor allerdings
abzuraten ist, denn dann kann man auch gleich an irgendeiner Küste in Südeuropa
bleiben). Die Hauptstadt Salvador (2,5 Millionen Einwohner, mit einer Altstadt
im portugiesischen Kolonialstil, vielen Kunstschätzen, einem bunten städtischen
Strandleben) ist meist Ausgangspunkt einer Bahiareise (Condor fliegt ab
Frankfurt jede Woche direkt hin). Südlich und nördlich von Salvador gibt es
viele schöne Strände, kleine Dörfer und mittelgroße Städte, Inseln,
Nationalparks mit Regenwald. Um die Bucht herum, an der Salvador liegt, der
sog. Allerheiligenbucht, gibt es ein fruchtbares Hügelland (u.a. Tabakanbau) zu
sehen, in dem viele kleine malerische Städtchen liegen, oft in portugiesischer
Kolonialstil. Etwa 400 km landeinwärts von Salvador erstreckt sich die Chapada
Diamatina, eine Gebirgskette mit atemberaubenden Tafelbergen, deren größter Teil
Nationalpark ist, wo man tagelange Wanderungen machen kann, ohne kaum jemand zu
begegnen. Der Westen und Norden des Landes schließlich besteht aus versteppter
„Caatinga“ mit Dornenbüschen, oft riesigen Kakteen, heißen Tagen und kalten
Nächten. Die Busverbindungen im Land sind gut, die meisten BahianerInnen
sprechen keine Fremdsprache, dennoch kommt man immer weiter, da
Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft groß geschrieben werden. Wer mit dem
Auto fährt, muss sich auf eine bisweilen katastrophale Straßenbeschaffenheit
gefasst machen, woran man sich aber irgendwie schnell anpasst. Hotels und
Pousadas (Pensionen) liegen oft malerisch am Strand, im Regenwald oder in den
historischen Ortskernen und sind meist für uns Europäer sehr preiswert.
Die starke Präsenz der Nachkommen von Sklaven in der
Bevölkerung Bahias hat diese Region auch kulturell entscheidend geprägt. Obwohl
die offizielle Mehrheitsreligion der katholische Glaube ist (allerdings breiten
sich aus Nordamerika importierte evangelikale Sekten epidemisch in ganz
Brasilien aus), wurde dieser von der schwarzen Bevölkerung mit Elementen
afrikanischer Religionen vermischt, was sich bis heute in zahlreichen Kulten
und Festen zeigt, die oft zugleich zu Ehren katholischer Heiliger und
afrikanischer Gottheiten gefeiert werden. Jorge Amado, der berühmteste
Schriftsteller Bahias, hat die bahianischen Gottheiten und ihre Verehrung durch
die BahianerInnen in seinen vielen Romanen, die alle auch auf deutsch
erschienen, immer wieder eingebaut. Mehr denn je populär ist in der schwarzen
Bevölkerung der Kampftanz Capoeira, den man inzwischen sogar in München lernen
kann. Besonderheiten der bahianischen Volkskultur sind auch die Art, wie hier
der Karneval gefeiert wird, nämlich anders als in Rio, als Volkskarneval mit
vielen „Blocos Afros“ (afrikanischen Musikgruppen), die tagelang in den Straßen
der Städte (vor allem Salvador) umherziehen. Auch die Musik des Nordostens
unterscheidet sich vom Rest Brasiliens, etwa ist hier die Heimat des Forró und
des Baião, spezifische Tanzrhythmen, die auf den traditionellen Festen (z.B.
dem überall gefeierten Fest zu Ehren des hl. Johannes / São João) gespielt
werden. Viele bedeutende SängerInnen der MPB (Música Popular Brasileira) kommen
aus der Bahia und prägen die Unterhaltungsmusik Brasiliens entscheidend mit,
etwa Caetano Veloso, Maria Bethânia, Gilberto Gil, João Gilberto, Virginia
Rodrigues und Daniela Mercury.
Die bahianische Küche ist eine köstliche Mischung aus
Einflüssen dreier Kontinente. Ihr besonderes Geheimnis liegt in den Gewürzen:
Dendê-Palmöl aus Afrika, Olivenöl aus Portugal, Kokosmilch und die in Brasilien
wachsenden Kräuter und Gewürze, wie roter Pfeffer, Ingwer, Koriander, Muskat
und andere, werden von den bahianischen Hausfrauen und Köchinnen zu
unverwechselbaren Kreationen verarbeitet. Auch hier gehören Spezialitäten aus
dem Meer zu den beliebtesten Delikatessen. Fische aller Spezies, Rochen,
Tintenfisch, Crevetten, Langusten, Austern und Krebse werden in
anbetungswürdiger Kochkunst verarbeitet. Und besonders die exotischsten
Spezialitäten, wie "Caruru, Vatapá, Efó, Xinxim, Quibebe, Sarapatel,
Mungunzá, Cuscuz" und besonders deren aller Königin, die Moqueca, sind in
der Regel die gefragtesten, auch bei europäischen Besuchern.
Die Bahianerinnen, gekleidet in ihre typische bunte
Tracht, verkaufen ihre hausgemachten Spezialitäten an jeder Strassenecke von
Salvador: "Acarajé, Abará, Cocada, Pé de moleque, Quindim, Baba de
Moça" und viele andere. Die Waren sind in der Regel innerhalb kleiner
Theken, den "Tabuleiros", unter Glas ausgestellt oder werden auch an
Ort und Stelle frisch zubereitet. Wenn man gefragt wird, ob das "Acarajé"
lieber "kalt oder heiss" sein soll: Das hat nichts mit der Temperatur
zu tun, sondern mit der Menge roter Pfefferpaste, die man mit dem Shrimps-Belag
aufgestrichen bekommt.
Text von Günter Reisbeck
Deusch- Brasilianischer Kulturverein e.V. - 2007