Bahia: schwarzes Herz Brasiliens


Bahia:

Bahia ist einer von 26 Staaten der Föderativen Republik Brasilien. Mit den Bundesländern Sergipe, Alagoas, Parnambuco, Paraíba, Rio Grande do Norte, Ceará, Piauí und Maranhão gehört Bahia zu der brasilianischen Großregion Nordosten (in der portugiesischen Landessprache: „Nordeste“; die Einwohner dieser Staaten sind entsprechend die „Nordestinos“, also die Nordostler). Diese Region war lange Zeit zusammen mit der Amazonasregion das vernachlässigte und auch verachtete Armenhaus Brasiliens und erst in der letzten Zeit gewinnt der Nordosten innerhalb und außerhalb Brasiliens (etwa als Ferienregion) immer mehr an Bedeutung. Bahia ist der größte Staat des Nordostens, so groß wie Frankreich, es hat aber nur ca. 14 Millionen Einwohner. Bahia hat eine lange Küste, geht aber auch bis zu 1000 km ins Landesinnere. Die Landschaft und das Klima sind daher sehr vielfältig, von der Küste mit kilometerlangen Sandstränden und Resten des tropischen Küstenregenwaldes (Mata Atlântica), über exotische Gebirgszüge zu Steppengebieten (Caatinga), in denen es manchmal jahrelang nicht regnet. An der Küste und in ihrem Hinterland liegen sowohl die Hauptstadt Salvador als auch malerische Inseln und Buchten mit kleineren Städten und Dörfern, sowie die fruchtbaren Hügellandschaften und Sumpfgebiete. Im Landesinneren (dem Sertão) erstrecken sich dagegen weite Ebenen, dünn besiedelt, bis zum westlich-nördlichen Grenzfluss der Bahia, dem São Francisco mit seinen großen Stauseen.


Reisen:

Wer Bahia nicht kennt, kennt Brasilien nicht, könnte man sagen, wenngleich dieser Ausspruch natürlich für viele Regionen Brasiliens gilt. Bahia als Reiseland ist für Europäer aufregend, abenteuerlich, abwechslungsreich und anstrengend (es sei denn man setzt sich 3 Wochen in eines der neuen Ferienzentren an der Küste wie Costa do Sauípe, wovor allerdings abzuraten ist, denn dann kann man auch gleich an irgendeiner Küste in Südeuropa bleiben). Die Hauptstadt Salvador (2,5 Millionen Einwohner, mit einer Altstadt im portugiesischen Kolonialstil, vielen Kunstschätzen, einem bunten städtischen Strandleben) ist meist Ausgangspunkt einer Bahiareise (Condor fliegt ab Frankfurt jede Woche direkt hin). Südlich und nördlich von Salvador gibt es viele schöne Strände, kleine Dörfer und mittelgroße Städte, Inseln, Nationalparks mit Regenwald. Um die Bucht herum, an der Salvador liegt, der sog. Allerheiligenbucht, gibt es ein fruchtbares Hügelland (u.a. Tabakanbau) zu sehen, in dem viele kleine malerische Städtchen liegen, oft in portugiesischer Kolonialstil. Etwa 400 km landeinwärts von Salvador erstreckt sich die Chapada Diamatina, eine Gebirgskette mit atemberaubenden Tafelbergen, deren größter Teil Nationalpark ist, wo man tagelange Wanderungen machen kann, ohne kaum jemand zu begegnen. Der Westen und Norden des Landes schließlich besteht aus versteppter „Caatinga“ mit Dornenbüschen, oft riesigen Kakteen, heißen Tagen und kalten Nächten. Die Busverbindungen im Land sind gut, die meisten BahianerInnen sprechen keine Fremdsprache, dennoch kommt man immer weiter, da Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft groß geschrieben werden. Wer mit dem Auto fährt, muss sich auf eine bisweilen katastrophale Straßenbeschaffenheit gefasst machen, woran man sich aber irgendwie schnell anpasst. Hotels und Pousadas (Pensionen) liegen oft malerisch am Strand, im Regenwald oder in den historischen Ortskernen und sind meist für uns Europäer sehr preiswert.



Menschen und Politik:

Der Nordosten Brasiliens ist durch eine starke schwarze Mehrheit geprägt, in der Bahia sind etwa 80% der Menschen schwarz, Nachkommen der von den Portugiesen verschleppten afrikanischen Sklaven, die in der Bahia hauptsächlich auf den Kakao- und Kaffeeplantagen arbeiteten. Erst 1888 wurde in Brasilien die Sklaverei abgeschafft. Für viele ehemalige Sklaven änderte sich die soziale Situation durch die Sklavenbefreiung aber nur wenig, da sie entweder auf den großen Landgütern (Fazendas) als Arbeiter mit geringem Lohn und wenig Rechten blieben oder in die Küstenstädte abwanderten und dort als städtisches Proletariat unter nicht viel besseren Bedingungen leben mussten. Die weiße Oberschicht hat mehr oder weniger bis heute die wirtschaftliche und politische Macht in der Hand, auch in der Demokratie (nach der Militärdiktatur wieder seit Anfang der 80er Jahre) gelang es bis vor kurzem populistischen und korrupten weißen rechtsgerichteten Politikern mit Hilfe der mit ihnen stark verfilzten Medien die schwarze (und meist arme) Mehrheit von der Regierung fernzuhalten. Erst vor wenigen Jahren verlor die rechte Partei PFL (der bayerischen CSU gut vergleichbar) sowohl das Bürgermeisteramt in Salvador als auch das Amt des Gouverneurs (Ministerpräsidenten) von Bahia an linksstehende Kandidaten (die allerdings auch weiß sind). Bahia ist wie viele Staaten des Nordostens (aber auch andere Teile Brasiliens) durch einen extremen Unterschied zwischen arm und reich gekennzeichnet. Was für den oberflächlichen Blick des Touristen oft romantisch und pittoresk aussieht (kleine Häuschen auf dem Land und in den Stadtrandsiedlungen, oft noch aus Lehm gebaut, einfache Menschen, die Lasten auf dem Kopf durch Dörfer ohne asphaltierte Straßen tragen, Frauen, die die Wäsche im Fluss waschen etc.), bedeutet für die Bewohner meist bittere Armut und andere schwierige Lebensumstände.


Kultur:

Die starke Präsenz der Nachkommen von Sklaven in der Bevölkerung Bahias hat diese Region auch kulturell entscheidend geprägt. Obwohl die offizielle Mehrheitsreligion der katholische Glaube ist (allerdings breiten sich aus Nordamerika importierte evangelikale Sekten epidemisch in ganz Brasilien aus), wurde dieser von der schwarzen Bevölkerung mit Elementen afrikanischer Religionen vermischt, was sich bis heute in zahlreichen Kulten und Festen zeigt, die oft zugleich zu Ehren katholischer Heiliger und afrikanischer Gottheiten gefeiert werden. Jorge Amado, der berühmteste Schriftsteller Bahias, hat die bahianischen Gottheiten und ihre Verehrung durch die BahianerInnen in seinen vielen Romanen, die alle auch auf deutsch erschienen, immer wieder eingebaut. Mehr denn je populär ist in der schwarzen Bevölkerung der Kampftanz Capoeira, den man inzwischen sogar in München lernen kann. Besonderheiten der bahianischen Volkskultur sind auch die Art, wie hier der Karneval gefeiert wird, nämlich anders als in Rio, als Volkskarneval mit vielen „Blocos Afros“ (afrikanischen Musikgruppen), die tagelang in den Straßen der Städte (vor allem Salvador) umherziehen. Auch die Musik des Nordostens unterscheidet sich vom Rest Brasiliens, etwa ist hier die Heimat des Forró und des Baião, spezifische Tanzrhythmen, die auf den traditionellen Festen (z.B. dem überall gefeierten Fest zu Ehren des hl. Johannes / São João) gespielt werden. Viele bedeutende SängerInnen der MPB (Música Popular Brasileira) kommen aus der Bahia und prägen die Unterhaltungsmusik Brasiliens entscheidend mit, etwa Caetano Veloso, Maria Bethânia, Gilberto Gil, João Gilberto, Virginia Rodrigues und Daniela Mercury.



Küche:

Die bahianische Küche ist eine köstliche Mischung aus Einflüssen dreier Kontinente. Ihr besonderes Geheimnis liegt in den Gewürzen: Dendê-Palmöl aus Afrika, Olivenöl aus Portugal, Kokosmilch und die in Brasilien wachsenden Kräuter und Gewürze, wie roter Pfeffer, Ingwer, Koriander, Muskat und andere, werden von den bahianischen Hausfrauen und Köchinnen zu unverwechselbaren Kreationen verarbeitet. Auch hier gehören Spezialitäten aus dem Meer zu den beliebtesten Delikatessen. Fische aller Spezies, Rochen, Tintenfisch, Crevetten, Langusten, Austern und Krebse werden in anbetungswürdiger Kochkunst verarbeitet. Und besonders die exotischsten Spezialitäten, wie "Caruru, Vatapá, Efó, Xinxim, Quibebe, Sarapatel, Mungunzá, Cuscuz" und besonders deren aller Königin, die Moqueca, sind in der Regel die gefragtesten, auch bei europäischen Besuchern.
Die Bahianerinnen, gekleidet in ihre typische bunte Tracht, verkaufen ihre hausgemachten Spezialitäten an jeder Strassenecke von Salvador: "Acarajé, Abará, Cocada, Pé de moleque, Quindim, Baba de Moça" und viele andere. Die Waren sind in der Regel innerhalb kleiner Theken, den "Tabuleiros", unter Glas ausgestellt oder werden auch an Ort und Stelle frisch zubereitet. Wenn man gefragt wird, ob das "Acarajé" lieber "kalt oder heiss" sein soll: Das hat nichts mit der Temperatur zu tun, sondern mit der Menge roter Pfefferpaste, die man mit dem Shrimps-Belag aufgestrichen bekommt.

 

Text von Günter Reisbeck 


Deusch- Brasilianischer Kulturverein e.V.  -  2007

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